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Kunst und Kultur
              

Was Kultur sei? „Wenn auf¹m Klo feuchtes Toilettenpapier is!“, antwortete eine 14-jährige Hauptschülerin auf diese Frage. Auch wenn die Antwort erst einmal schockieren mag, so ganz unrecht hat das Mädchen nicht. Denn auf der Weltkonferenz zur Kulturpolitik 1982 in Mexiko wurde die „Kultur“ amtlich neu definiert. Seitdem ist sie nicht mehr nur der Oberbegriff für die vielfältigen Kunstrichtungen (Musik, Schauspiel, Architektur, Literatur, Bildende Kunst, Fotografie, neue Medien etc.), sondern bezieht die Lebensweisen der Menschen mit ein. Der erweiterte Kulturbegriff entspricht nicht nur der Vielfalt der Ethnien (die sich überall mischen), sondern auch der Ursprungsbedeutung des Wortes, das im Lateinischen mit „Land- und Gartenbau, Körper- und Geistespflege, künstlerische und geistige Lebensäußerungen“ all das umfasst, was das Leben ausmacht, einschließlich der religiösen Kulte. Gehen wir in der Menschheitsentwicklung noch weiter zurück, so sind magisch-symbolische Formen der Aneignung von Natur und Kosmos und mythische Übertragungen archetypischer Bilder Ausdruck von „KultUr“. Joseph Beuys hat mit seinem (umstrittenen und missverstandenen) Ausspruch, jeder Mensch sei ein Künstler, genau dies gemeint. Beuys wollte - und das hat er bei denen erreicht, die mit ihm sprachen - den Menschen Mut machen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, ihre Fähigkeiten zu erproben: „Ich will nur den Menschen anregen, nicht zu warten auf einen idealen Bewusstseinszustand. Sie müssen mit den jetzigen Mitteln beginnen - mit ihren Fehlern beginnen.“ Wer sich kreativ äußert, ist auf dem Weg, sich selbst zu entdecken. Welch Frust, welch Freude! Aber immer in (geistiger und körperlicher) Bewegung, und das ist „Not-wendig“!

All das, was nun unter dem erweiterten Kulturbegriff zu verstehen ist, finden wir konzentriert in den heutigen Kunstdisziplinen, ob in der Literatur, im Theater oder in der Bildenden Kunst. Die Abkehr von Inhalten, Idealen und Werten, die Abkehr von Harmonie und Schönheit folgt dem Bild einer realen (beziehungsweise medial-virtuellen) Welt. Der Tabu-Bruch in zwischenmenschlichen Beziehungen findet seinen Niederschlag im Werk. So ist zeitnahe Kunst oft ohne ironische Brechungen gar nicht konsumierbar. Künstlerisch zu arbeiten bedeutet zweifelsohne Aneignung von Welt. In der magischen und mystischen Prähistorie dienten die menschlichen Ausdrucksformen dazu, die Erscheinungen der Mitwelt und der kosmischen Überwelt fassbar zu machen. Die Darstellung von symbolhaften Abbildern zeigte den Versuch, die sichtbaren und unsichtbaren Kräfte des Daseins zu erkennen, zu ordnen und zu beherrschen. Eine Kunst der Magie sozusagen. Der kreative Akt wird zu einem spielerischen, wenn die so genannte Realität durch Symbole dargestellt wird. Durch das Fokussieren, durch den Ausschnitt aus der „Wirklichkeit“ wird die tatsächliche Realität unwirklich; es entsteht eine Fälschung der Welt, ein subjektives Bild. Diese Fiktion von Welt konfrontiert mit Neuem. Wie kommt das Neue in die Welt? Man könnte analog antworten: „Durch Kunst natürlich!“ So gesehen, muss die Kunst Stein des Anstoßes sein, ist die Provokation in der Kunst notwendig. Sie ist für den Betrachter notwendig, sie ist notwendig, um kreative Gedankenprozesse im Rezipienten auszulösen. Kunst ermöglicht die spielerische Annäherung an das Unmögliche, an das Unsagbare, eine Annäherung ohne die Bedrohung der Realität.

Welchen Sinn hat die Schaffung von Kunstwerken darüber hinaus? Diese Frage wird jeder Künstler, Kunstkritiker, Ästhetiker und Kunstkonsument anders, auf seine Weise und aus seiner Sicht beantworten. Motivation für Kunstschaffende könnte die Offenbarung der immanenten Wahrheit, die Konkretisierung des metaphysischen Jenseits, die Darstellung der nackten Wirklichkeit, die Schöpfung einer glücklichen Fantasiewelt, die Konfrontation mit den klaffenden Abgründen innerhalb des Individuums, das Wiederbeleben verlorener Zeiten und verdrängter Kindheit, die Förderung von Selbsterkenntnis sein. Kunst kann das Unsichtbare sichtbar, das Unhörbare hörbar, das Unsagbare sagbar machen. Im echten künstlerischen Schaffen, im Kunstwerk wird also das zum Ausdruck kommen, was über der sogenannten Realität steht, der Mehrwert, der über sie hinausweist in die Gegenwelt der Transzendenz.

Der Künstler erfasst mit seiner individuellen Begabung das Motiv, das im Ich subjektiv erlebt und verarbeitet wird, möglicherweise durch eine Krise, eine Läuterung, eine Wiederherstellung, so dass er den Weg der Geist-Erkenntnis gehen kann, welcher ein allgemeiner und jedem Menschen zugänglicher ist. So kann er eine Fülle bisher unbekannter Erlebnisse wachrufen. Dies ist Meditation, Meditation, verbunden mit dem Erlebnis der Erkenntnis. Meditieren bedeutet in Freiheit und ohne Verhaftetsein an Vorgaben einen Gedanken, ein Bild in den Mittelpunkt des Bewusstseins zu stellen, gleichsam aus dem Nichts neu zu erschaffen. Das führt zu neuen Sichtweisen, so, wie ein aus einem Nahtoderlebnis „Wiederbelebter“ die Welt neu sieht, das Leben anders gestaltet und gestalten muss. Der Künstler kann schauend und gestaltend das Wesen des Gegenstandes zu vollkommener Erscheinung bringen. In der gleichen Weise macht er auch das eigene Wesen und damit das Leben überhaupt offenbar. Und beides so, dass es nicht nur gleichzeitig, sondern eins im anderen wirkt: im Schauen und Fühlen des erlebenden Menschen gewinnt der Gegenstand einen neuen Sinn. Indem dies aber geschieht, vollzieht sich im Werk als Teilgebilde das Ganze des Daseins, und diese Detail wird zum Symbol des Universums. So kann Kunst beim Künstler zur Eigentherapie führen, ja die Bewusstheit des Einsseins als Selbsterkenntnis gleich Welterkenntnis gleich Gotterkenntnis erfassen.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alles im Leben hat einen Gegensatz:
Birne - Apfel,
Frau - Mann,
Natur - Kultur...
Und doch hat beides etwas Gemeinsames - ALLes wird aus der gleichen Quelle genährt.

  

  

  
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